
Es ist noch nicht lange her, da sah beim FC Luzern alles rosig aus: In der Super League gelang ein Start nach Mass mit sieben Punkten aus drei Spielen und in der Europa League winkte das Erreichen der Play-Offs. Mittlerweile haben sich viele Hoffnungen zerschlagen. Der Europa-League-Zug ist nach einem desaströsen Heimauftritt gegen Utrecht abgefahren und in der Meisterschaft reichte es im Heimspiel gegen Sion trotz zweimaliger Führung nicht für einen Sieg und die Eroberung der Tabellenspitze.
Die Euphorie ist verflogen, gewichen ist sie einem mittelschweren Gewitter, das über die Köpfe der Luzerner fegt. Wie viel Schaden es anrichtet, wird sich in den nächsten Wochen zeigen. Luzern steht also am Scheideweg. Bloss, in welche Richtung geht es?
Bergauf: Offensivpower
Die Luzerner verfügen zweifellos über beachtliches Offensivpotential. Das Trio Hakan Yakin, Nelson Ferreira und Cristian Ianu ist aus der letzten Saison bestens eingespielt und war in irgendeiner Form an allen Luzerner Treffern in dieser Saison beteiligt. Mit Daniel Gygax gelang ein Transfer, der sich gleich in dessen erstem Spiel bezahlt gemacht hatte (zwei Tore, ein Assist). Auch wenn Gygax zwischenzeitlich ins Stocken geraten ist, stellt er immer einen Gefahrenherd dar.
Kritisch wird es bei Luzern, wenn die Stammkräfte in der Offensive einmal ausfallen sollten. Die zweite Garnitur ist nur noch halb so gut. Hoffnungsträger Thomas Prager muss langsam auftauen.
Bergauf: Das Tollhaus Gersag
Ein Prestigeobjekt ist das Stadion Gersag auf keinen Fall. Wenn dort aber 8'700 Fans Stimmung machen, entwickelt sich ein echtes Tollhaus. Das Feuer springt auch auf die Mannschaft über und beflügelt sie. Es ist nicht erstaunlich, dass Trainer Rolf Fringer von einer ''Bestrafung'' sprach, als bekannt wurde, dass das Europa-League-Heimspiel gegen Utrecht im Letzigrund ausgetragen werden muss. Nächste Saison wird die Swissporarena eingeweiht, die Luzerner haben also nur noch diese Spielzeit, aus ihrem zwischenzeitlichen Exil Profit zu schlagen.
Bachab: Die löchrige Abwehr
Mit sechs Gegentoren steht Luzern statistisch in der Defensive nicht mal so schlecht da. Einige Auftritte waren aber richtiggehend beängstigend. Vor allem das Heimspiel gegen Utrecht war erschreckend: Wie Junioren stellten sich die Verteidiger an und offerierten unglaubliche Räume. Gegen Sion folgte keine Reaktion: Wieder wurden die Luzerner hinten ausgespielt, das Resultat waren drei Gegentreffer. In diesem Stil kann es nicht weitergehen, die Luzerner müssen viel bissger in die Zweikämpfe gehen und dem Gegner weniger Platz lassen. Der Lichtblick: Mit Benjamin Kibebe ist ein Verteidiger verletzt, der bisher für Stabilität sorgte. Kehrt er zurück, könnte sich die Situation verbessern.
Bachab: Nervenschwäche
Die Luzerner haben bisher viel Nerven gezeigt. Das Europa-League-Highlight gegen Utrecht ging völlig in die Hose und als die Tabellenführung am letzten Wochenende lockte, versagten sie ebenfalls. In diesem Spiel haben die Luzerner sogar zweimal eine Führung verspielt. Der Druck wird in dieser Saison eher noch wachsen. Jetzt sind echte Leitwölfe gefragt.
X-Faktor Vereinsleitung
Präsident Walter Stierli hat sich in dieser Saison demonstrativ hinter Trainer Rolf Fringer gestellt und aufkommende Gerüchte um ein angebliches Interesse an Murat Yakin sofort niedergeschmettert. Das ist erst einmal beruhigend. Bekanntlich zeigt sich aber erst im Krisenfall, wie es um die Nerven der Vereinsleitung bestellt ist. Dieser Krisenfall ist noch nicht eingetroffen, Aussagen dazu sind deshalb nicht möglich. Bei den letzten Trainern (Roberto Morinini, Ciriaco Sforza) dauerte es nach Negativserien jeweils nicht allzu lange, bis sie gefeuert wurden, den Gesetzen des Profigeschäfts entzieht sich also auch der FC Luzern nicht.
Wohin führt der Weg?
Trainer Rolf Fringer sprach nach dem Europa-League-Out gegen Utrecht vom Schuss vor den Bug zur richtigen Zeit. Im Spiel gegen Sion war noch kein Lernerfolg sichtbar: Nach der Führung wurde ein Gang runter geschaltet und auf Verwalten gespielt. Die Defensive war prompt überfordert. Nur wenn die Mannschaft an Konstanz und Homogenität zulegt, kann diese Saison erfolgreich werden. Die nächste Prüfung beim FC Basel könnte mehr Aufschluss über das wahre Gesicht der Mannschaft geben.
Von Peter Schneiter
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen